Der restliche Tag verläuft vergleichsweise geradezu unspektakulär. Die Migration ist schwer zu schlagen. Massenweise Tiere! Und doch hält die Serengeti auch am Nachmittag wieder Überraschungen für uns bereit. Auf einem Felsen entlang des Weges liegt noch mal, einfach so, ein Leopard. Die Wunder nehmen kein Ende.

Dem schon vorher geäußerten Wunsch nach einem 'Reifenluftdruckcheck' gibt unser Fahrer übrigens keinen Kilometer weiter trotzdem nach. Ein gesundes Gottvertrauen sollte man schon haben, wenn man hier unterwegs ist. Und immer die Jeeptür offen lassen. Kurz danach ist es auch endlich Zeit für unsere Mittagspause. Wir klettern auf Anweisung unseres Fahrers auf einen der Kopjes, der großen Felshügel, die hier und da aus der Landschaft schauen. Auch einige große Büsche wachsen oben, und die ersten, die von der Klopause zurückkehren, fragen verwundert, ob es auf der Rückseite des Felsens noch einen flacheren Aufstieg gibt, weil sie Elefantendung gefunden haben. Der Fahrer erklärt uns daraufhin, dass Elefanten wendiger sind und besser klettern können, als wir so gedacht hatten.
Der Ausblick erinnert uns, wie schon so viele Eindrücke zuvor an den König der Löwen. Seit Tagen singen Richard und ich und auch einige andere immer wieder gedankenverloren die Melodien aus dem weithin bekannten Film, weil die Landschaft uns so unglaublich daran erinnert. Dabei ist der Film ja nur eine Hommage an diese Landschaft, vor der sich die ganze Geschichte abspielt. Insbesondere dieser Felsen inspiriert Job noch einmal dazu, Mufasas Worte an Simba zu rezitieren: "Everything the light touches is our kingdom. One day, Simba, the sun will set on my time here, and will rise with you as the new king."
Ich lasse mich noch mal mit der grandiosen Serengeti ablichte, die sich hier so endlos bis zum Horizont erstreckt, und weiß schon jetzt, dass mir die Weite und die Ruhe und der Wind im Gesicht unglaublich fehlen werden, wenn ich wieder zuhause bin.
Wir genießen unseren Lunch und machen eine Menge Fotos an diesem magischen Ort, und dann erklärt uns Godfree, warum auf einigen der Felsen große weiße Dellen zu sehen sind: Diese Steine haben die Maasai früher eingesetzt, um Musik darauf zu spielen. Richard und ich experimentieren ein wenig herum, fasziniert davon, dass man einem Felsen Töne entlocken kann.
Dann heißt es Abschied nehmen von der Serengeti. Es beginnt der lange Weg zurück, quer durch den Nationalpark, Richtung Ngorongoro-Krater, auf dessen Rand wir heute die Nacht verbringen werden. Die Fahrt dauert mehrere Stunden, und wir sehen viele Bekannte wieder: Elefantenherden, die grasend beständig durch die Steppe ziehen, Thomson- und Grantgazellen, Straußen, Giraffen, Zebras. Währenddessen unterhält uns Godfree mit vielen Geschichten über die Serengeti und ihre Tiere.
Bei Ankunft auf unserem Campingplatz am Kraterrand sind wir alle reichlich müde. Es gibt wieder zwei große Kochhäuser, diesmal rattenfrei, sowie ein Waschhaus dicht bei den Zelten und hinter den Kochhäusern, und dann noch eins weiter unten am Hang. Die Wiesen sind weitestgehend leer, nur eine feierfreudige Gruppe junger Briten, die wir schon von den letzten Nächten kennen, ist wieder da. Wir genießen die etwas komfortablere, wenn auch abends recht kalte Dusche unten am Hang sowie ein herrliches Sundowner-Savanna unter dem riesigen Baum, der in der Mitte des Zeltplatzes steht. Über unseren Köpfen kreisen die Rotmilane, und in die übliche abendliche Entspannung und grenzenlose Ruhe mischt sich ein erstes bisschen Wehmut. Bis zum Abschied ist es nicht mehr lang, und für die meisten von uns ist diese friedliche Zeit sehr bald schon zuende.
Zuerst aber noch ein paar warnende Worte von Godfree, der uns noch mal daran erinnert, nachts nicht alleine oder wenn dann nur mit einer guten Taschenlampe herumzulaufen, weil auch dieser Campingplatz keinen Zaun hat. Er erwähnt auch, dass die Elefantenbullen gerne abends mal vorbeischauen, weil der Wasserturm ein wenig leckt und sie das zum Trinken ganz praktisch finden. Wie auf Kommando erklang dann auch gerade das wütende Trompeten eines Elefantenbullen. Wir sind alle aufgesprungen und haben uns umgeschaut, ob wir in Deckung gehen müssen. Entlang der südwestlichen Seite des Campingplatzes, quer über die Zufahrtsstraße hinweg und keine fünfzig Meter in den Busch hinein, streiten sich zwei Elefantenbullen. Wir wollen schauen, was denn da los ist, und wie aus dem Nichts tauchen zwei Ranger mit sehr großen Waffen auf, die uns schnell davon überzeugen können, dass wir da nicht hingehen sollen. Übrigens die ersten Waffen, die ich auf diesem Kontinent gesehen habe. Mittlerweile haben sich sowohl die Wachen als auch die Elefanten wieder getrollt. Zeit für's Abendessen.