Donnerstag, 31. Januar 2013

48 Lost in Transit

Alles gut gelaufen. 90 Minuten Stau auf dem Weg zum Flughafen, trotzdem rechtzeitig angekommen. Bill Nighy entdeckt. Katja und Jesper nach der gemeinsamen Taxifahrt und einem ersten Abschied im Abflugbereich noch mal wiedergesehen, Essen gefunden, Flieger bekommen. Im Flugzeug neben ausgewanderten Osnabrückern gesessen, welch kleine Welt, die auch nach 46 Jahren in Kanada immer noch so klingen wie meine Familie. Wohlbehalten in Amsterdam gelandet. 

Transit, das ist wohl die beste Beschreibung für diesen Geisteszustand. Plötzlich ist man nicht mehr dort - aber auch noch nirgendwo anders. Man ist gefangen in einem unangenehmen, leeren Dazwischen. Schiphol, ein moderner und wohldurchdachter Flughafen, in den man sich noch vor einem Monat nahtlos eingefügt hätte, wirkt so surreal als wäre ich in einer Bluebox, komplett mit Wanderschuhen an den Füßen, all den Kratzern und Stichen und dem roten Sand im Rucksack. Diese Leere.

Ich warte auf den letzten Flug, der mich nach Hause bringen wird. Ob ich Afrika wohl noch einmal wiedersehen werde? 

“If I know a song of Africa, of the giraffe and the African new moon lying on her back, of the plows in the fields and the sweaty faces of the coffee pickers, does Africa know a song of me? Will the air over the plain quiver with a color that I have had on, or the children invent a game in which my name is, or the full moon throw a shadow over the gravel of the drive that was like me, or will the eagles of the Ngong Hills look out for me?” 

Mittwoch, 30. Januar 2013

47 Warten auf den Heimweg

Ein entspannter Tag. Für Sightseeing habe ich weder die Energie noch das Geld, und dazu kommt ein heftiges Gewitter. Morgens rette ich mit technischen Gerätschaften von mindestens drei Mitreisenden die Bilder von Richard und Brieanas Kamera auf eine meiner SD-Karten, dann frühstücke ich mit den beiden. Nach dem Frühstück brechen sie mit Sonja und Armin zusammen nach Uganda auf; für sie beginnt ein neuer Tourabschnitt. Ein weiterer Abschied, der schwerfällt. Ich setze mich zum zweiten Frühstück zu Carla, Godfree, Thabani und Alex dazu, dem Director von Nomad, der auch die Uganda-Tour begleiten wird. Wir hatten ihn schon vor zwei Wochen in Malawi getroffen.
Nach dem Frühstück lerne ich noch eine Alex kennen, einen Deutschen, der gerade die Uganda-Tour hinter sich hat. Wir vergammeln eine Teil des Tages in der Lounge und er erzählt von ihrer Tour, die deutlich weniger harmonisch und reibungslos verlaufen ist. Später treffe ich eine ohne Brille recht hilflose südafrikanische Dame, Mrs. Alberts, die ihren Mann auf einer Geschäftsreise begleitet. Ich helfe ihr mit ein paar Dingen im Hotelzimmer und sie erzählt von ihrem Leben, ihren Kinder und der Güte Gottes. Danach räume ich mein Zimmer, habe noch Asyl bei Carla, die noch länger bleibt.
Poolfoto von der Hotelwebseite. Weniger Sonne bei uns.
Mittags esse ich ein Sandwich im gottverlassenen Hotelrestaurant bei wiederholten Stromausfällen und sintflutartigem Regen. Weder das eine noch das andere scheint irgendjemanden zu interessieren.
Später hört es auf zu regnen und ich springe mit Alex noch für ein paar Bahnen in den riesigen und auch ziemlich kalten Pool. Eine Wohltat, vor allem vor dem bevorstehenden Langstreckenflug. Ein zielloser Tag zwischen den Welten geht dem Ende zu.

Dienstag, 29. Januar 2013

46 Finale in Nairobi

An der klaren Handschrift ist unschwer zu erkennen, dass ich weder im Zelt, noch im Truck bin. Jetzt ist er da, der 29. Januar, der große Tag, an dem das Abenteuer zuende geht. Ich kann es gar nicht glauben. In manchen Momenten hatte es den Anschein, als würde all das nie ein Ende nehmen, und jetzt liegen (gut, nach den Caymans) unzählige Wochen Alltag, Gleichförmigkeit und Mittelmaß vor mir. Oder zumindest fühlt es sich so an.
Gestern abend haben wir den Campingplatz Ndogo in Arusha bezogen, eine unheimlich grüne Oase. Luxus: Thabani hatte die Zelte schon aufgebaut. Duschen ohne Zeitdruck, wenn auch bei eher erfrischenden Temperaturen. Wir genießen zum letzten Mal Godfrees hervorragende Küche und stellen fest, dass wir uns den Platz mit einem riesigen, aggressiven Ameisenvolk teilen. Nach Aufregung und Problemeindämmung mit Wasserschlauch sowie kurzer Inspektion der Zelte leiten Thabani, Godfree und auch alle anderen dann mit Gepäckgerödel, Evaluationsbögen, und Emailadressentausch das Ende der Tour ein. Abschied von Job, der sich auf den Weg Richtung Kilimandscharo-Gipfel macht. Um sieben heute morgen Abfahrt Richtung Nairobi. Ohne Job fühle ich mich verloren im Truck.
An der Grenze bekomme ich ein günstiges Transit-Visum für 20$, welches auch mein letztes Visum für die Reise ist. Ein weiters "letztes Mal". Meine Barvorräte gehen zur Neige.

Nairobi begrüßt uns mit wieder mal ungewohnt hoher und dichter Bebauung. Wir entdecken eine deutsch anmutende Burg hinter dem Stadtpark, jede Menge Wahlplakate und unglaublich viele Autos auf den Straßen.
Aus uns schleierhaften Gründen hat Nomad die Teilnehmer in Nairobi auf drei Hotels verteilt. Unseres mutet ein wenig wie ein Bungalow an, aber mein Zimmer geht raus auf den Garten und hinter den Sträuchern wohl auch einen Wasserlauf, was die Umgewöhnung auf Stadt und Zivilisation ein wenig erleichtert. Die anderen haben Baulärm in ihrem Hotel, da dort umgebaut wird. Des weiteren gibt es in meinem Zimmer zwei blütenweiße Betten, ein gefliestes Bad mit Shampoo und vier Handtüchern, Seife und einem Duschkopf so groß wie eine französische Untertasse. Im Fernsehen läuft Royal Pains und eine Dokumentation über Justin Bieber - allerdings muss man ihm alle halbe Stunde wieder per Hand einschalten und den Sender einstellen, wenn der Strom wieder kurz weg war. Fernbedienungen gibt es gegen zehn Dollar Kaution an der Rezeption, dafür bin ich zu faul.
Mein Versuch, im "Business Center" die Bilder vor Richards und Brieanas geliehener Kamera in die Dropbox hochzuladen scheitert an der Verbindungsgeschwindigkeit, die ein wenig über Modemgeschwindigkeit liegt. Windows 3.11. Die Infrastruktur reicht immerhin aus, um mit Christoph zu chatten, der ob meiner bevorstehenden Rückkehr voller Vorfreude und auch ganz schön nervös ist. Ich verlasse das Business Center, bald gibt es Abendessen und ich gönne mir wie schon in Victoria Falls den Luxus eines weißen T-Shirts.
Wir fahren mit dem Taxi - Laufen ist wohl zu gefährlich - zum Restaurant Fogo Gaucho, dort gibt es Fleisch bis zum Abwinken für 25 Euro. Alle bis auf Job sind hier noch einmal versammelt, es gibt Trinkgelder für Godfree und Thabani, Abschiedsworte, Umarmungen, Telefonnummern, Mailadressen. Auf dem Rückweg quetschen wir uns zu Elft ins Acht-Personen-Taxi und quälen uns wieder durch Automassen. Gemeinsamen hecken wir einen Plan für die Übertragung meiner Fotos aus. Katja, Jesper und ich verabreden uns für einen Flughafentransfer morgen. Mein Gepäck scheint überwiegend aus einem riesigen Wäschesack, Schuhen, einer Regenjacke und Krams zu bestehen. Ich bin zuversichtlich, dass alles wieder reinpasst. Mit müden Augen und aufgewühltem Herzen bleibt jetzt nur noch eins: Schlafen

Montag, 28. Januar 2013

45 Der Anfang vom Ende

 Wieder im Truck, zwischen Karatu und Arusha. Kohlecompretten intus. Kopfschmerzen in Anzug. Mückenstiche. Gefühlt leichtes Fieber. Irritiertes rechtes Auge vom Staub der Serengeti. Uff, was freu ich mich auf zuhause. Speedbumps, Umleitungen links und rechts neben der Straße, noch mindestens eine Stunde Fahrt.
Dafür haben wir aber auch Löwen gesehen. Nach vielen Stunden im Krater, nachdem wir schon so viel gesehen hatten, lagen sie da plötzlich an der Straße. Männchen und Weibchen, ganz nah.






Sie sind aufgestanden, durch die Gegend geschlichen, dann tauchte auch noch hinter einer Bodenwelle ein weiterer junger Löwe auf. Die Löwin hat sich dann im Graben versteckt, während sich das Männchen zwischen den Autos durchgeschoben hat.



 

Er stand so dicht neben unserem Jeep, dass ich aus dem Dach heraus an seinen Schwanz hätte fassen können! Was den Jeep angeht, hat er auch gleich Besitzansprüche angemeldet und den markiert. Gut, dass wir die Fenster zu hatten.





So viel haben wir gesehen - Elefantenzebrasbüffelthompsongrantelandwarzenschweinnashörner. Wir haben gelernt, dass Spitzmaulnashörner kleiner sind, neben Gras auch Früchte und Blätter fressen, ihr Kind immer hinter sich haben und den Kopf auch mal oben tragen. Schwarzmilane haben wir gesehen, Black Kites. Und immer mal wieder Maasai. Mit Wurfspeer auf dem Fahrrad, mit Handy im traditionellen Umhang. Und von all dem abgesehenen natürlich auch immer Landschaft ohne Ende. Kann mir kaum vorstellen, dass Matthias und Jan jetzt im Büro sitzen. Ist heute überhaupt Werktag? Hatte ich eigentlich das Passwort für mein Laptop geändert, bevor ich geflogen bin?
Auf ein paar Dinge freue ich mich besonders, während wir hier mal ausnahmsweise über eine halbwegs passable Straße fahren und ich wie ein Schluck Spucke in der Kurve hänge: Vollkornbrot. Joghurt. Fisch, und Seife. Auf Christoph natürlich. Wir sind per SMS in Kontakt geblieben; meine treues Uraltnokia, dass ich für den Zweck wieder ausgegraben und mitgenommen hatte, hat einen unglaublich ausdauernden Akku. Viel habe ich nicht gehört von zuhause, genau wie gewünscht. Auf das Wetter bin ich sehr gespannt!
Auf Sightseeing in Nairobi habe ich momentan hingegen nur noch wenig Lust, hoffe stattdessen auf ein nettes Hotel, ein zuverlässiges Taxi zum Flughafen und einen ausreichend internationalen Flughafen. Reisemüde, denke ich. Und trotzdem wird mir schwer ums Herz, wenn ich an die Heimat denke. Hier, auf der Tour, weiß ich die Mondphase, kann das Wetter riechen, lege tagsüber Kleidung ab, weil es wärmer wird, und ziehe sie abends wieder an. Es gibt drei Mahlzeiten am Tag - um fünf oder sechs, um eins oder zwei und um sieben oder acht wieder. Zum Duschen braucht man ein Handtuch und die Flasche Wilderness Wash, biologisch abbaubares Eins-für-Alles. Noch so viele Bäume, Sträucher und Pflanzen, die ich noch nicht kenne, noch so viele Tierfakten, so viele Fabeln, die ich noch hören will. So viel Weite! Neue Wörter ohne Druck aufsaugen, einfach aus Neugier und dem Drang heraus, die Umwelt zu verstehen. Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust.

44 Das Paradies der Tiere

Auf der Hinfahrt haben wir schon von oben hineingeschaut, wir haben an seinem Rand übernachtet, jetzt sind wir mittendrin: Der Ngorongoro-Krater. Hineingefahren sind wir heute morgen wieder in aller Herrgottsfrühe, als der Dunst noch über dem Boden hing.
Ngorongoro-Krater im Morgennebel
Auch einen See gibt es im Krater. Der ist zwar sehr flach, man kann laut unserem Guide überall stehen, aber er ist das ganze Jahr über da.
Kratersee am Morgen

Früher war das ein aktiver Vulkan, dessen Krater irgendwann eingebrochen ist. Er hat einen Durchmesser zwischen 17 und 21 Kilometer. Ein bisschen wie eine große Arche Noah - vor der Außenwelt durch die riesigen Kraterwände gut geschätzt.
Kraterrand
Die Maasai dürfen nur noch tagsüber zum Weiden der Tiere in den Krater, leben aber sonst mittlerweile außerhalb. Das einzige ernsthafte Problem dürften wir Touristen sein. Die meisten Tierarten, die hier leben, wandern auch über den Kraterrand hinweg, die einzige Ausnahme machen die Löwen. Sie verlassen den Krater nicht, weswegen es mittlerweile große Schwierigkeiten mit Inzucht gibt. Das Serengeti Lion Project beobachtet die Veränderungen an den Löwen. Auch bei den Elefanten gibt es eine Besonderheit: Im Krater leben nur Bullen. Die Elefantenkühe sind immer nur auf der Durchreise.

Auch andere Raubtiere wohnen im Krater, zum Beispiel Geparden. Dieser sitzt eine halbe Stunde regunglos da und beobachtet das Treiben. Seine Lieblingsmahlzeit sind Thompson-Gazellen.

Trotz des recht niedrigen Wasserstandes im See leben auch Nilpferde im Ngorongoro-Krater. Hier haben wir einige in einem Wasserloch entdeckt. 






Nach und nach gewöhnt man sich an den Anblick der riesigen Wände ringsumher, sie werden zu einem Teil der Landschaft. Und dann guckt man wieder hoch, sieht den See mit hunderten Flamingos vor den grünen Hängen liegen und weiß nichts mehr zu sagen.




Den ganzen Morgen fahren wir nun schon durch den Krater. Bei uns Reisenden hat sich die gesundheitliche Situation wieder verschlechtert, aber es hat jemand ein kleines Klohaus in einem Gebüsch versteckt, hinten links auf dem Bild, direkt neben einer der wenigen Zufahrtsstraßen in den Krater. Wir sind kaum zwei Minuten da, schon sind wir von Maasai umzingelt, die uns Schilde, Speere und Schmuck verkaufen wollen. Doch ganz schön touristisch hier.



Auch nach vier Wochen kann man übrigens noch Tierarten entdecken, die man noch nicht gesehen hat. Mit dem Fernglas entdecken wir in einiger Entfernung vor den rollenden Hängen einige Eland-Antilopen. Zusammen mit den Kudus und Topis gehören sie zu den größten Antilopenarten. 
Die Herde besteht aus Kühen, Bullen und sogar Jungtieren und zieht langsam ans Wasser des Sees. Ich könnte den ganzen Tag hier sitzen und mir würde nicht langweilig werden.
 Hin und wieder entdeckt man auch Tiere, die man schon sehr oft gesehen hat, bei Verhaltensweisen, die man noch nicht sah. Hier haben wir ein kleines Zebra beim Frühstück entdeckt. Wenn sie noch ganz jung sind, sind sie auf dem Rücken noch eher braun als schwarz und auch ein bisschen flauschiger.

Nun, und was uns dann noch gefehlt hat, das war ein Nashorn. Die Zahl der Nashörner wird seit etwa zwei Jahren in ganz Afrika sehr stark von Wilderern dezimiert, weil man in Fernost davon überzeugt ist, Horn wäre irgendein Wunderheilmittel. Spitzmaulnashörner gab es nun ohnehin schon nicht gerade viele. Aber wir hatten Glück: Uns ist noch eins über den Weg gelaufen. 

Es ist das reinste Tierparadies. Wir haben schon so viele Parks besucht, so viele Tiere gesehen, so viele Kilometer zurückgelegt, und immer wieder kommen wir an neue Orte, die noch paradiesischer zu sein scheinen als alle vorhergehenden. Muss ich wirklich so bald schon wieder nach Hause, zwischen die Häuser und die Autos und die hektischen Menschen?

43 Büffelalarm!

Wer hätte gedacht, dass ein so ruhiger Abend der Auftakt zu einer so aufregenden Nacht sein könnte?
Das Abendessen verlief noch ruhig und friedlich. Jasper verwickelte mich in eine spannende, europäische, intellektuell fordernde Unterhaltung, und um neun herum war es auch schon dringend an der Zeit ins Bett zu gehen, als draußen plötzlich Aufruhr herrscht. Es ist ein Büffel im Camp!
Wir gehen aus dem Kochhaus raus und keine 20 Schritt entfernt steht er, groß wie ein ... Büffel eben, und grast. Während die Engländer wie wild um ihn herumhopsen und Fotos machen, halten wir uns im Hintergrund. 900 Kilo wiegen die Brocken im Schnitt, was an sich schon Grund genug wäre, sich nicht mit ihnen anzulegen. Aber Godfree erzählt uns dann, dass der Büffel unter den Big Five so etwas wie der Amokläufer ist. Er ist ruhig, zurückhaltend und unauffällig, bis er dann völlig unvermittelt angreift. Anders als andere Tiere kennt er keine Scheinangriffe. Man ist also völlig unvorbereitet. In Victoria Falls sind schon mehrere Menschen von wilden Tieren ernsthaft verletzt oder getötet worden, wenn diese Nachts in der Stadt unterwegs waren.
Wir halten uns weiter im Hintergrund, während der Büffel seelenruhig zwischen unseren Zelten umhergrast. In einem günstigen Moment schnappen Job und ich uns unsere Zahnbürsten und machen uns fertig für die Nachtruhe, sofern das denn möglich sein wird. Trotz der Aufregung schlafe ich selig ein - bis Job mich nachts für die obligatorische nächtliche Pause weckt. Wir lauschen sorgfältig, öffnen dann gewohnt vorsichtig das Zelt. Reißverschlüsse klingen in der stockdunklen, lebendigen afrikanischen Nacht dreimal so laut. Vermutlich kann man uns bis runter in den Krater hören.
Füße zuerst aus dem Zelt, kurz warten, dann den Rest nachschieben. Gelernt ist gelernt. Job macht sich zielstrebig auf den Weg hangabwärts. Zugegeben, die Toiletten dort sind netter, aber dafür riskiere ich nicht meinen Hals. Da ich nicht weiß, ob die dunklen großen Schemen dort unten auf der Wiese Büffel oder Büsche sind und ob sie gestern abend schon da waren, überrede ich ihn, doch die Toiletten am Kochhaus zu frequentieren. Wir schleichen um die Ecken wie die Einbrecher, alle Sinne auf Empfang und meine Nerven zum Zerreißen gespannt.
Die Waschhäuser erreichen wir problemlos. Warum müssen die auch ausgerechnet heute nacht geschlechtergetrennt sein? Dann zurück hindurch zwischen den Kochhäusern und siehe da: Der Büffel ist zurück, und er grast vor unserem Zelt.
Auf 2200 Metern Höhe ist es nachts kalt, auch in Tansania. So stehen wir also fröstelnd in der afrikanischen Nacht und warten geduldig, bis der Büffel zwei Zelte weiter gezogen ist. Ich schicke ganz emanzipiert Job vor, um das Zelt aufzumachen, und dann hechten wir beide hinein, machen den Reißverschluss zu und stellen uns tot. Kein Mucks draußen, scheint gutgegangen zu sein. Langsam aber sicher schiebe ich mich, Zentimeter für Zentimeter in meinen Schlafsack. Vermutlich ist dem Büffel das vollkommen egal, das der Schlafsack knistert wie eine frische Brötchentüte. Ich hoffe es. Und dann, gerade als ich die beste Schlafposition auf dem Bauch gefunden habe, aufgetaut bin und einschlafen will, höre ich ihn. Schnaufend, mahlend, Gras ausreißend. Stapf, Stapf, zwei Schritte, er wird lauter. Von links nähert er sich dem Kopfende von unserem Zelt, und keine Minute später grast er vor meinem Kopf entlang. So dicht, dass sich unter meinem Kopf der Boden bewegt, wenn er am Gras rupft. So dicht, dass ich seinen riesigen Bauch grummeln hören kann. Mein Herz rast, an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ihm ist es wohl egal, er ist ja zum Essen da. Langsam wandert er am Zelt vorbei, an all unseren Zelten, ich kann ihn mit den Ohren noch verfolgen, und gerade als ich mich wieder beruhigt habe, kommt er wieder. Jetzt grast er am Fußende der Zeltreihe, hat am Ende also einen U-Turn gemacht. Füße sind entbehrlich, denke ich, und das muss er gehört haben, denn um meine Büffelerfahrung noch zu vervollkommnen, biegt er genau vor unserem Zelt links ab. Er geht in aller Seelenruhe grasend zwischen unserem und dem Nachbarzelt hindurch, und gottseidank setzt er seine Hufe besonnen auf, denn sonst hätte ich wohl kein Knie mehr.
Es dauert noch sehr lange, bis ich wieder einschlafe.

Sonntag, 27. Januar 2013

42 Auf dem Rand des Kraters

Der restliche Tag verläuft vergleichsweise geradezu unspektakulär. Die Migration ist schwer zu schlagen. Massenweise Tiere! Und doch hält die Serengeti auch am Nachmittag wieder Überraschungen für uns bereit. Auf einem Felsen entlang des Weges liegt noch mal, einfach so, ein Leopard. Die Wunder nehmen kein Ende.

Dem schon vorher geäußerten Wunsch nach einem 'Reifenluftdruckcheck' gibt unser Fahrer übrigens keinen Kilometer weiter trotzdem nach. Ein gesundes Gottvertrauen sollte man schon haben, wenn man hier unterwegs ist. Und immer die Jeeptür offen lassen. Kurz danach ist es auch endlich Zeit für unsere Mittagspause. Wir klettern auf Anweisung unseres Fahrers auf einen der Kopjes, der großen Felshügel, die hier und da aus der Landschaft schauen. Auch einige große Büsche wachsen oben, und die ersten, die von der Klopause zurückkehren, fragen verwundert, ob es auf der Rückseite des Felsens noch einen flacheren Aufstieg gibt, weil sie Elefantendung gefunden haben. Der Fahrer erklärt uns daraufhin, dass Elefanten wendiger sind und besser klettern können, als wir so gedacht hatten.
Der Ausblick erinnert uns, wie schon so viele Eindrücke zuvor an den König der Löwen. Seit Tagen singen Richard und ich und auch einige andere immer wieder gedankenverloren die Melodien aus dem weithin bekannten Film, weil die Landschaft uns so unglaublich daran erinnert. Dabei ist der Film ja nur eine Hommage an diese Landschaft, vor der sich die ganze Geschichte abspielt. Insbesondere dieser Felsen inspiriert Job noch einmal dazu, Mufasas Worte an Simba zu rezitieren: "Everything the light touches is our kingdom. One day, Simba, the sun will set on my time here, and will rise with you as the new king."
Ich lasse mich noch mal mit der grandiosen Serengeti ablichte, die sich hier so endlos bis zum Horizont erstreckt, und weiß schon jetzt, dass mir die Weite und die Ruhe und der Wind im Gesicht unglaublich fehlen werden, wenn ich wieder zuhause bin. 
Wir genießen unseren Lunch und machen eine Menge Fotos an diesem magischen Ort, und dann erklärt uns Godfree, warum auf einigen der Felsen große weiße Dellen zu sehen sind: Diese Steine haben die Maasai früher eingesetzt, um Musik darauf zu spielen. Richard und ich experimentieren ein wenig herum, fasziniert davon, dass man einem Felsen Töne entlocken kann. 
Dann heißt es Abschied nehmen von der Serengeti. Es beginnt der lange Weg zurück, quer durch den Nationalpark, Richtung Ngorongoro-Krater, auf dessen Rand wir heute die Nacht verbringen werden. Die Fahrt dauert mehrere Stunden, und wir sehen viele Bekannte wieder: Elefantenherden, die grasend beständig durch die Steppe ziehen, Thomson- und Grantgazellen, Straußen, Giraffen, Zebras. Währenddessen unterhält uns Godfree mit vielen Geschichten über die Serengeti und ihre Tiere.

Bei Ankunft auf unserem Campingplatz am Kraterrand sind wir alle reichlich müde. Es gibt wieder zwei große Kochhäuser, diesmal rattenfrei, sowie ein Waschhaus dicht bei den Zelten und hinter den Kochhäusern, und dann noch eins weiter unten am Hang. Die Wiesen sind weitestgehend leer, nur eine feierfreudige Gruppe junger Briten, die wir schon von den letzten Nächten kennen, ist wieder da. Wir genießen die etwas komfortablere, wenn auch abends recht kalte Dusche unten am Hang sowie ein herrliches Sundowner-Savanna unter dem riesigen Baum, der in der Mitte des Zeltplatzes steht. Über unseren Köpfen kreisen die Rotmilane, und in die übliche abendliche Entspannung und grenzenlose Ruhe mischt sich ein erstes bisschen Wehmut. Bis zum Abschied ist es nicht mehr lang, und für die meisten von uns ist diese friedliche Zeit sehr bald schon zuende. 
Zuerst aber noch ein paar warnende Worte von Godfree, der uns noch mal daran erinnert, nachts nicht alleine oder wenn dann nur mit einer guten Taschenlampe herumzulaufen, weil auch dieser Campingplatz keinen Zaun hat. Er erwähnt auch, dass die Elefantenbullen gerne abends mal vorbeischauen, weil der Wasserturm ein wenig leckt und sie das zum Trinken ganz praktisch finden. Wie auf Kommando erklang dann auch gerade das wütende Trompeten eines Elefantenbullen. Wir sind alle aufgesprungen und haben uns umgeschaut, ob wir in Deckung gehen müssen. Entlang der südwestlichen Seite des Campingplatzes, quer über die Zufahrtsstraße hinweg und keine fünfzig Meter in den Busch hinein, streiten sich zwei Elefantenbullen. Wir wollen schauen, was denn da los ist, und wie aus dem Nichts tauchen zwei Ranger mit sehr großen Waffen auf, die uns schnell davon überzeugen können, dass wir da nicht hingehen sollen. Übrigens die ersten Waffen, die ich auf diesem Kontinent gesehen habe. Mittlerweile haben sich sowohl die Wachen als auch die Elefanten wieder getrollt. Zeit für's Abendessen.

41 Die große Migration

Heute, raunt Godfree mir leise zu, heute wollen wir es versuchen. Bevor wir heute abend die Serengeti verlassen und uns am Rand des Ngorongoro-Kraters zum Schlafen wieder niederlassen, wollen wir versuchen, die große Migration zu finden, die riesigen Gnuherden, die sich immer auf Wanderschaft befinden. Ich nicke, halte den Mund und grinse mit Hummeln im Hintern in mich hinein.

Wir fahren also zügig heute, haben ja auch schon viel gesehen. Ein bisschen haben wir das gEfühl, alles schon gesehen zu haben. Aber die Serengeti hat noch das eine oder andere As im Ärmel. Den Auftakt macht ein Elefant, heute morgen.

Entlang des Wegs entdecken wir dann Impalas, an sich nun wirklich kein großes Ereignis mehr, aber diese zwei Herren streiten sich ausgiebig.

Als Zwischenspiel sehen wir an einem Wasserloch auch mal ein paar Flamingos, die ganz friedlich sind und sich nicht streiten.

Die Büffel hingegen scheinen sich doch recht uneins zu sein. Riesengroße Tiere, und die gehen mit einer Wucht aufeinander los!


Und dann, dann entsteht dieses Foto.
Sieht aus wie noch ein Kopje in unendlicher Grassteppe, aber gerade sage ich zu Godfree: "Godfree, that looks like a line of ants on the horizon there. What is that a herd of?" und er antwortet "That's what we came here for. That's the migration."



Am Anfang sehen wir vor allem Zebras. Godfree erklärt uns, dass die Zebras und die Gnus zusammen wandern. Die Zebras sind zahlenmäßig deutlich unterlegen, kennen aber den Weg und gehen deshalb voraus. Die Gnus sind deutlich in der Überzahl und deswegen weitaus berühmter. Die Migration der Herden ist die weltweit größte Wanderung von Säugetieren, und sie dauert das ganze Jahr an. Wir sind am südwestlichen Eck der Wanderungsbewegung, und die Gnudamen sind hochschwanger. Im Februar werden sie pro Tag 8000 kleine Gnus zur Welt bringen!

Wir fahren über eine Stunde lang den Weg rauf und runter, durch ein Meer aus Zebras und zunehmend auch Gnus. Die haben ihren Namen von dem Geräusch, das sie machen. Der Legende nach sind sie von ihrem Schöpfer aus fünf Tieren zusammengesteckt worden: Den Körper bekommen sie vom Topi, die Hörner vom Büffel, den Schweif vom Pferd, die Streifen vom Zebra und die Beine von einer Antilope. Sie sehen wirklich ein bisschen willkürlich aus.

Die Tiere, die wird an diesem Morgen sehen, sind die Vorhut der großen Migration. Wir sehen etwa 30.000 - und die Schätzung kommt von jemand anderem, ich kann sowas nicht - und insgesamt wandern 1,5 Millionen Tiere. Die Gnudamen fressen oben in der Masaai Mara anderes Gras als im Süden und werden dadurch fruchtbarer.
Ganz besonders begeistern uns die Geräusche der Zebras. Es ist mir tatsächlich gelungen, eins einzufangen. Das ist nicht jemand, der sich die Nase putzt, sondern ein Zebra.


Unfassbar viele Tiere. So viele hab ich noch nie gesehen.




40 Guten Morgen, Afrika!

Es wird hell, die Morgenvögel beginnen zu zwitschern. Ganz leise aus dem knisternden Schlafsack schlüpfen, Job schläft noch. Brille greifen, Kopflampe greifen, Waschbeutel, Handtuch - liegt alles schon parat. Füße in die Wanderschuhe. Reißverschluss, kurz und laut, dann lauschen. Nichts zu hören, Vögel klingen wie vorher. Füße zuerst raus. Vorsichtig Kopf rausstrecken. Keine Raubtiere zu sehen.

Rausschlüpfen, Reißverschluss wieder zu. Rüber zum Waschhaus, Zähneputzen. Hinter dem Waschhaus legt sich der Vollmond riesengroß und rosarot schlafen, hinter unseren Zelten färbt die Morgendämmerung den Himmel rosarot. Das wird ein schöner Tag.