Montag, 28. Januar 2013

43 Büffelalarm!

Wer hätte gedacht, dass ein so ruhiger Abend der Auftakt zu einer so aufregenden Nacht sein könnte?
Das Abendessen verlief noch ruhig und friedlich. Jasper verwickelte mich in eine spannende, europäische, intellektuell fordernde Unterhaltung, und um neun herum war es auch schon dringend an der Zeit ins Bett zu gehen, als draußen plötzlich Aufruhr herrscht. Es ist ein Büffel im Camp!
Wir gehen aus dem Kochhaus raus und keine 20 Schritt entfernt steht er, groß wie ein ... Büffel eben, und grast. Während die Engländer wie wild um ihn herumhopsen und Fotos machen, halten wir uns im Hintergrund. 900 Kilo wiegen die Brocken im Schnitt, was an sich schon Grund genug wäre, sich nicht mit ihnen anzulegen. Aber Godfree erzählt uns dann, dass der Büffel unter den Big Five so etwas wie der Amokläufer ist. Er ist ruhig, zurückhaltend und unauffällig, bis er dann völlig unvermittelt angreift. Anders als andere Tiere kennt er keine Scheinangriffe. Man ist also völlig unvorbereitet. In Victoria Falls sind schon mehrere Menschen von wilden Tieren ernsthaft verletzt oder getötet worden, wenn diese Nachts in der Stadt unterwegs waren.
Wir halten uns weiter im Hintergrund, während der Büffel seelenruhig zwischen unseren Zelten umhergrast. In einem günstigen Moment schnappen Job und ich uns unsere Zahnbürsten und machen uns fertig für die Nachtruhe, sofern das denn möglich sein wird. Trotz der Aufregung schlafe ich selig ein - bis Job mich nachts für die obligatorische nächtliche Pause weckt. Wir lauschen sorgfältig, öffnen dann gewohnt vorsichtig das Zelt. Reißverschlüsse klingen in der stockdunklen, lebendigen afrikanischen Nacht dreimal so laut. Vermutlich kann man uns bis runter in den Krater hören.
Füße zuerst aus dem Zelt, kurz warten, dann den Rest nachschieben. Gelernt ist gelernt. Job macht sich zielstrebig auf den Weg hangabwärts. Zugegeben, die Toiletten dort sind netter, aber dafür riskiere ich nicht meinen Hals. Da ich nicht weiß, ob die dunklen großen Schemen dort unten auf der Wiese Büffel oder Büsche sind und ob sie gestern abend schon da waren, überrede ich ihn, doch die Toiletten am Kochhaus zu frequentieren. Wir schleichen um die Ecken wie die Einbrecher, alle Sinne auf Empfang und meine Nerven zum Zerreißen gespannt.
Die Waschhäuser erreichen wir problemlos. Warum müssen die auch ausgerechnet heute nacht geschlechtergetrennt sein? Dann zurück hindurch zwischen den Kochhäusern und siehe da: Der Büffel ist zurück, und er grast vor unserem Zelt.
Auf 2200 Metern Höhe ist es nachts kalt, auch in Tansania. So stehen wir also fröstelnd in der afrikanischen Nacht und warten geduldig, bis der Büffel zwei Zelte weiter gezogen ist. Ich schicke ganz emanzipiert Job vor, um das Zelt aufzumachen, und dann hechten wir beide hinein, machen den Reißverschluss zu und stellen uns tot. Kein Mucks draußen, scheint gutgegangen zu sein. Langsam aber sicher schiebe ich mich, Zentimeter für Zentimeter in meinen Schlafsack. Vermutlich ist dem Büffel das vollkommen egal, das der Schlafsack knistert wie eine frische Brötchentüte. Ich hoffe es. Und dann, gerade als ich die beste Schlafposition auf dem Bauch gefunden habe, aufgetaut bin und einschlafen will, höre ich ihn. Schnaufend, mahlend, Gras ausreißend. Stapf, Stapf, zwei Schritte, er wird lauter. Von links nähert er sich dem Kopfende von unserem Zelt, und keine Minute später grast er vor meinem Kopf entlang. So dicht, dass sich unter meinem Kopf der Boden bewegt, wenn er am Gras rupft. So dicht, dass ich seinen riesigen Bauch grummeln hören kann. Mein Herz rast, an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ihm ist es wohl egal, er ist ja zum Essen da. Langsam wandert er am Zelt vorbei, an all unseren Zelten, ich kann ihn mit den Ohren noch verfolgen, und gerade als ich mich wieder beruhigt habe, kommt er wieder. Jetzt grast er am Fußende der Zeltreihe, hat am Ende also einen U-Turn gemacht. Füße sind entbehrlich, denke ich, und das muss er gehört haben, denn um meine Büffelerfahrung noch zu vervollkommnen, biegt er genau vor unserem Zelt links ab. Er geht in aller Seelenruhe grasend zwischen unserem und dem Nachbarzelt hindurch, und gottseidank setzt er seine Hufe besonnen auf, denn sonst hätte ich wohl kein Knie mehr.
Es dauert noch sehr lange, bis ich wieder einschlafe.