Eineinhalb Stunden lang fahren wir mit Außenborder und später auch Segel an der einsamen Ostküste Sansibars entlang. Das Wasser ist flach und türkis, die Fahrt bewegt, aber erträglich. Einen Wellenkamm müssen wir queren, drehen die Nase in die Brandung und pflügen hindurch, ansonsten ist die Fahrt aber ruhig, im Vergleich zu anderen Bootstouren. Unsere Skipper sprechen deutlich besser Kisuaheli als Englisch, und so erfahren wir nich viel über den Zeitplan oder das, was um uns herum passiert.
Schließlich trudeln wir vor Mnemba Island ein. Diese Insel ist der Küste vorgelagert, und über dem Riff vor der Insel werden wir schnorcheln. Es liegen noch ein paar andere Boote dort. Flossen an, Brille auf, fallen lassen.
Für mich ist das sehr ungewohnt. Man treibt an der Oberfläche bauchunten - gut eingecremt gegen Sonnenbrand und mit T-Shirt. Wegen der Wellchen, die das Wasser bewegen, plätschert immer wieder Wasser in den Schnorchel, und ich bin froh, dass ich nicht leicht seekrank werde. Ganz zu schweigen von den Momenten, in denen ich fasziniert einem bunten Fisch hinterherschwimme und vergesse, dass meine Atemluft diesmal nicht aus einer Flasche kommt. Unter Wasser kann man mit so einem Schnorchel nicht atmen, da kommt dann nur Wasser.
| Unglaubliche Farbe! |
Nach einer Stunde gibt es Mittagessen. Üblicherweise geht man dafür an den Strand von Mnemba, jedoch ist die Brandung heute zu stark. Wir bekommen auf dem Boot gegrillten Fisch, Pfannkuchen und Obst zum Mittagessen. Danach geht's erneut ins Wasser. Ich lasse mich treiben wie vorher und schaue den Fischen auf den Kopf. Neidisch starre ich ein paar Taucher an. Es ist ganz schön kalt, und die Strömung nimmt zu, weswegen ich bald zum Boot zurückkehre.
Wir machen uns auf den Rückweg. Die Besatzung kann sich entspannen, die Arbeit ist fast vorbei, und auch wir Schnorchler dösen langsam ein. David ist nach drei Minuten weggenickt, auch ich drehe mein Gesicht in die Sonne. Nach einer halben Stunde müssen wir wieder die Brandung durchqueren, diesmal mit den Wellen. Der Skipper dreht das Boot, ich schaue nach hinten, und sehe, dass das Boot leider nicht auf der Welle reitet, sondern dass diese von hinten auf das Boot zurollt. Se schwappt von hinten hinein in unser Holzboot, und alles steht unter Wasser. Immerhin kann ich meinen Rucksack rechtzeitig heben. "Noch mal gutgegangen", denke ich noch, und "die machen das ja auch jeden Tag, das ist sicher kein Grund zur Beunruhigung". Doch da kommt die nächste Welle, trifft das Boot seitwärts, und dann ist es weg.
Die Welle hat das Boot gedreht, es liegt auf der Seite und ist schon fast völlig unter Wasser, mich hat es aus dem Boot geworfen und dann rollt die nächste Welle heran und klatscht mich mit voller Wucht gegen die noch aus dem Wasser ragende Außenwand. Zwischen dem Boot und der Brandung bin ich nicht besonders gut aufgehoben. Noch eine Welle, diesmal schlage ich auf dem Mastbaum auf. Um mich herum erwischt es noch ein paar andere Leute. Der Skipper ruft "get away from the boat", und ich wuchte mich über den Mastbaum. Noch eine Welle rollt mir über den Kopf, dann bin ich aus der Brandungszone und paddle wieder im seichten Wasser des Riffs.
Von einer Sekunde zur nächsten bin ich's vom Touristen zum Schiffbrüchigen geworden. Es ist, im wahrsten Sinne des Wortes, unfassbar. Ich sehe den Mast des Bootes aus den Wellen ragen, und eben saß ich da noch drin. Was nun? Bestandsaufnahme. Soweit ich das beurteilen kann, bin ich unversehrt. Meinen Rucksack habe ich in der Hand, unvernünftig wie das sein mag, meine Sonnencreme schwimmt an mir vorbei und ich fange sie wieder ein. Mein Handtuch habe ich in der anderen Hand, und so schwimme ich dann auf den großen Berg Rettungswesten zu, der mit allen anderen Sachen im Wasser treibt. Rettungswesten, das sei am Rande angemerkt, sind deutlich nützlicher, wenn man sie nicht alle zusammenbindet.
An diesem Floß haben sich schon andere Schiffbrüchige versammelt. Immerhin kein Tiger, denke
ich, und werfe noch mal einen Blick auf meine Sachen. Auf wundersame Weise ist meine Sonnenbrille noch auf meinem Kopf, was meinen Vater sicher freuen wird. Das tolle Mikrofaserhandtuch ist aber nicht mehr da. Der blaue Stofffetzen in meiner Hand ist ein T-Shirt, dessen Besitzer auf der anderen Seite des Floßes sich sehr über das Wiedersehen freut.
Nun ja, da treiben wir also. Nach und nach ziehen wir einen Großteil der 20 Schnorchler zu dieser großen "Rettungsinsel". Marlis und David habe ich mittlerweile auch entdeckt, die beiden helfen sich gegenseitig. Denen, die nicht gut schwimmen können, steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Land ist zwar in Sicht, aber es ist auch bestimmt ein oder zwei Kilometer entfernt. Und überhaupt, was will man dann da, an der einsamen Ostküste? Von der Crew kommen keine Anweisungen. Die rufen sich vieles auf Kisuaheli zu, aber das hilft uns nicht weiter. Nach etwa einer halben Stunde Ratlosigkeit tauchen zwei andere Boote auf. Es sind ebenfalls Dhaus, so wie unseres ... war. Sie machen Anstalten, in unsere Richtung zu wenden, und ich trenne mich von der Rettungsinsel aus Schwimmwesten und mache mich auf den Weg zu einem Boot. Schwimmen im offenen Meer und unter Schock ist anstrengend. Ich würde es nicht weiterempfehlen. Auf dem Weg zum Boot fange ich ein - etwas atemloses - Gespräch mit der Amerikanerin Madeleine an, die Einreisestempel und Erinnerungen von all ihren Reisen auf Rücken und Oberarmen tätowiert hat. Zu zweit ist alles besser als alleine. Wir schaffen es zum Boot. Sie hat einen strategischen Vorteil, sie hat immerhin eine Schwimmflosse gefunden. Man zieht uns an Bord wie zwei nasse Katzen, und etwa so fühle ich mich auch. Die Touristen auf diesen Booten geben uns Wasser zu trinken, die Skipper sortieren uns auf die zwei Boote, um zu vermeiden, dass diese jetzt wegen Überfüllung auch noch sinken. Ich stehe völlig neben mir. Ein Tourist von diesem Boot hat die Rettungsaktion gefilmt und filmt auch jetzt, während wir eine Flasche Jägermeister herumgehen lassen. Wer die wohl zum Schnorcheln mitgenommen hat? Egal, die Lebensgeister kehren langsam zurück. Die Sonne hilft. Alle haben überlebt, haben wie ich nur ein paar Kratzer und blaue Flecken. Die materiellen Verluste sind unterschiedlich groß. Meine Kamera ist wohl hin, der Ziploc-Beutel hat nicht dichtgehalten. Das türkise Wasser war das letzte, was sie fotografiert hat. Ich hole die SD-Karte heraus und schlecke das Salzwasser von den Kontakten, um der Korrosion Einhalt zu bieten. Marlis und David hingegen - Kindles, Handys, Kameras... Und das am zweiten Urlaubstag. Auch Ausweise und Geld haben einige auf dem Boot gelassen, oder auf dem Meeresboden. Ein Glück war ich heute morgen einmal diszipliniert genug, meinen Rucksack auszuräumen.
Nach einer Stunde sind wir wieder in Nungwi. Ich rette die Fotos von der SD-Karte zu Katja und
Jesper aufs iPad, Carla hilft mir beim Auswaschen meiner völlig versalzenen Sachen. Job kommt in unserem Bungalow vorbei und erkundigt sich beunruhigt nach meinem Zustand. Wir gehen an den paradiesischen Strand, legen uns auf eine Sonnenliege und Carla verordnet mir Ruhe. Sie kauft mir auch ein Eis, das beste Eis des Sommers. Auch die anderen Mitreisenden kümmern sich rührend und freuen sich, uns wiederzukehren. Marlis und David scheinen nicht so angegriffen zu sein wie ich, die waren nun mal zu zweit und haben einfach die Ruhe weg, denke ich. Später packt mich der Schock nochmal. Ich will noch nicht gehen, denke ich, und ich war mir auch so sicher, dass es ungefährlich ist! Mir klingen die vielen mahnenden Worte der Daheimgebliebenen in den Ohren - "Pass bloß gut auf dich auf!" Was für ein Schreck.
Abends gehe ich mit Marlis, David und Carla essen, die Gruppe verstreut sich über die vielen netten Restaurants hier. Ich lasse den Abend mit Job am Strand ausklingen, der mir zum Abschluss verbietet, morgen noch mal von dem Unglück zu sprechen. Ein guter Tag geht zuende: Mir ist nichts passiert. Ein paar Kratzer und ein Schreck. Noch mal Glück gehabt.





