Eineinhalb Tage sind ins Land gegangen, und die Ereignisse haben sich geradezu überschlagen. Jetzt sind wir schon in Sambia, auf dem langen Weg nach Lusaka. Aber jetzt mal von Anfang an...
Das Abschiedsessen mit der ersten Tourfamilie war kulinarisch zwar kein Highlight, aber ein schönes Tourende. Shingi war zwar von der vielen Fahrerei völlig übermüdet, aber auch mit von der Partie, und auch Sandile war zugegen. Alle waren sichtlich froh, wieder sauber und präsentabel zu sein, wir haben Geschichten erzählt und Mailadressen getauscht.
Auf dem Rückweg ins Zimmer haben wir in den Fluren noch jede Menge Natur gefunden, darunter riesige Falter, kleine Ochsenfrösche und auch einen großen Ochsenfrosch. Als wir festgestellt haben, dass er vor Ricardos Tür sitzt, war das Gelächter groß: Er hatte im Delta versehentlich auf einem Ochsenfrosch geschlafen, den er erst fand, als er sein Zelt wieder zusammenrollte. Ob dieser wohl kam, um seinen Freund zu rächen?
Die Nacht ist so ruhig, dass es mir schon beinahe unheimlich ist. Wegen der Affen kann man die Balkontür nicht offen lassen, und so schlafen wir eingesperrt in vier Wände bei laufender Klimaanlage.
Am nächsten Morgen kommt ein Fahrer von Wild Horizons und holt uns zum Raften ab. Die klapprigen Jeeps, mit denen wir durch die Landschaft zum Rand der Schlucht fahren, sind immer noch die gleichen. Der Anbieter ist zwar ein anderer, aber das hat sich offensichtlich gehalten. Wir bekommen Tee, Kekse und eine ausführliche Einführung in das Verhalten auf dem Fluss. Mit mir wagen sich Thomas, Richard und Carolina aufs Wasser.

Auch diesmal werden wir wieder nur die Stromschnellen 11 - 23 abfahren. Wenn der Wasserstand niedrig genug ist, kann man schon bei 1, direkt unterhalb der Fälle, anfangen. Da man Nummer 9, "Commercial Suicide", aber umgehen muss und das Wasser zu hoch steht, gibt es eben nur die kurze Strecke. Bei Hochwasser ist der Sambesi auch nur ein Fluss der Kategorie 3-4, nicht 4-5. Bevor es aber ans Raften geht, müssen wir erstmal eine Stunde lang in die Schlucht hinunterkraxeln. Keine leichte Aufgabe bei dem vielen Regen, der gefallen ist. Heute ist der Himmel jedoch blau und wir sind guter Dinge.

Am Einstieg üben alle Boote die Kommandos, mit denen unser Steuermann John Barnes und dirigieren wird. Wichtige Dinge werden noch einmal wiederholt, zum Beispiel dass man sich nach Möglichkeit am Boot festhalten soll, wenn man schon rausfällt. Bei höchstem Wasserstand hat der Sambesi eine Strömungsgeschwindigkeit von bis zu 120 km/h, da ist man ganz schnell im Kariba-See. Das probieren wir heute mal nicht aus.

Die meisten Stromschnellen überstehen wir meisterhaft, nur eine hebelt bis auf drei Leute alle raus. Ich sehe den Boden des Bootes auf mich zukommen, kann aber noch ausweichen. Kurz darauf taucht Richards Gesicht über dem Bootsrand auf. Gott, bin ich froh, den zu sehen!
Die Leute wieder ins Boot zu bekommen ist übrigens ganz einfach: Einmal feste Eintauchen, damit der Auftrieb der Schwimmweste Schub gibt, und dann feste ziehen. Elegant ist anders, und kopfüber in den Paddelhaufen zu segeln ist auch nicht angenehm, aber alles ist besser als in den Stromschnellen im Sambesi zu hängen.

Später, auf den ruhigeren Flussabschnitten, können wir dann freiwillig aussteigen, uns am Boot festhalten und uns treiben lassen. Der Himmel ist blau, die Bäume grün. Wir sehen riesige Nester vom Hammerkopf-Vogel und Felsenfeigenbäume, die ihre Wurzeln in die Felsen zwängen.

Nach unserem kleinen Ausflug müssen wir alle wieder die gesamte Schlucht hochklettern. Die ersten übergeben sich schon am Fuß der Felsen vor Erschöpfung, auch für mich ist es ein Kampf. Die Sonne steht mittlerweile fast im Zenit, und oben merkt man, wie stark sie brennt. Oberschenkel und Füße hats böse erwischt. Carolina wird am Ende getragen; alle sind unglaublich dankbar für das Mittagessen.
Im Hotel müssen wir dann plötzlich ruckzuck auschecken. Carolina war davon ausgegangen, sie bliebe zwei Nächte im Hotel, somit hatten wir noch nichts gepackt. Immerhin ist unsere Wäsche fertig. Wir organisieren uns ein Taxi in die Adventure Lodge.
Dort angekommen packe ich mein Zeug aus und stelle mit Entsetzen fest, dass mir Geld fehlt. Shingi, der zufällig noch vor Ort ist, fährt mich wieder ins Elephant Hills Hotel, in dem man mir aber nicht weiterhelfen kann, und dann zum Geldautomaten, der kurzerhand meine Karte für 20 Minuten frisst, ohne einen Ton zu sagen. Er fährt runter und wieder hoch, spuckt meine Karte kommentarlos aus, und der Nachbarautomat macht dann noch einmal genau das gleiche. Mir tut es unglaublich leid, Shingi an seinem freien Tag so lange zu beanspruchen, und ich bin mit den Nerven am Ende. Glücklicherweise findet sich jemand, der mir mit Bargeld aushilft. So ein Mist.
Immerhin: Ich habe ein eigenes Zimmer mit zwei Betten und kann in Ruhe packen. Abends sind wir in Thomas' Unterkunft, der eleganten Ilala-Lodge, zum Essen verabredet. Carolina ist vom Raften so erschöpft, dass sie in der Unterkunft bleibt, aber fast alle anderen sind mit von der Partie. Es gibt einen Pianisten, man kann die Fälle sehen und hören, und der leckere Weißwein aus Fairview versöhnt mich mit der Welt.
Heute morgen dann neues Spiel, neues Glück. Abschied vom Bett, Abschied vom Einzelzimmer, Abschied von Carolina. Thabani und Godfree warten bereits mit dem neuen Truck, Lennon, im Hof.
Wir fahren über die Brücke nach Livingstone in Sambia, um die Grenze möglichst früh hinter uns zu lassen, und erledigen dann die Formalitäten. Ein letzter Blick in der hellen Sonne auf die Fälle. Für 40 Dollar bekomme ich 150 Kwacha, mit denen ich hier neue Sonnecreme und Wasser kaufe. Schon sind 100 Kwacha wieder weg - Sonnencreme ist ein Luxusgut. Livingstone hat sich deutlich besser entwickelt als Vic Falls, die Straßen sind (noch) gut. Uns steht ein langer Tag im Truck bevor, wir wollen bis Lusaka kommen. Mich plagt der Sonnenbrand, aber die neue Besetzung im Truck lenkt von vielen Sorgen ab.
In festen Unterkünften werden Carla aus Argentinien, Jesper und Katja aus Dänemark sowie Roberto aus Argentinien schlafen. Er hat ein bisschen Schwierigkeiten mit dem Englischen, alle anderen kommen gut zurecht. Zelten werden wie bisher Richard und Brieana, das UK/US-Gespann von meiner ersten Tour, sowie Armin und Sonja (CH/AT), die gerade den Kilimandscharo bestiegen haben. Job aus den Niederlanden hat das nach unserer Tour vor und hat einen Einzelzimmerzuschlag bezahlt, ich bekomme also ganz ohne Aufpreis mein eigenes Zelt. Zehn Leute, nette Mischung.
Auch die Landschaft wird interessanter: Es geht plötzlich bergauf, durch bewaldete Hügel und bewirtschaftete Felder. Wir sehen keine Esel mehr, dafür plötzlich Fahrräder. Die Bäume sind größer und die Straßen zunehmend holpriger. Ein neues Abenteuer beginnt.