
Was für ein Tag! Noch vor Tagesanbruch bin ich unter Grunzgeräuschen der Nilpferde in die Dusche geschlichen. Es war noch niemand wach, ich hatte die Wildnis ganz für mich alleine. Paradiesisch!
Der Campingplatz hat sich über Nacht in eine Schlammwüste verwandelt. Man muss ganz langsam gehen, insbesondere wenn man schwere Zelte herumträgt. Es hat die ganze Nacht hindurch geregnet.
Wir kehren mit unserem Truck zurück auf die Holperpiste, die uns wieder zurück nach Chipata bringen soll, von wo aus wieder eine Teerstraße über die Grenze nach Lilongwe in Malawi führt. Wir fühlen uns schnell wieder hinein in den rumpelnden Rhythmus der Schlaglöcher, doch nach kurzer Zeit fühlen wir auf einmal, wie das Heck des Trucks rutscht - und das war's. Wir sind von der festen Piste mit dem rechten Hinterreifen ins Bankett gerutscht. Noch während wir aussteigen, um uns das Dilemma anzusehen, bleibt ein entgegenkommender Kleinlaster auf gleicher Höhe stecken.
Godfree und Thabani fackeln nicht lange. Godfree fängt an, den Hinterreifen freizugraben und wir reißen das hohe Gras an der Böschung aus, um unserem Lennon den Weg zurück auf die Piste zu bereiten. Binnen kürzester Zeit haben alle blutende Hände, weil das Gras so scharf ist. Die Kinder, die natürlich längst herbeigerannt gekommen sind, um sich das Spektakel anzuschauen, verarzten jede Menge Mzungu-Hände. Die Jungs versuchen derweil, den Kleinlaster mit anzuschieben, damit die Strecke wieder frei ist. Schlamm bis an die Knie. Thabani wirft den Truck wieder an, lässt die Kupplung vorsichtig kommen, Lennon quält sich wieder auf die Straße hoch - und rutscht nach zehn Metern komplett in den Graben.
Auch wir können sehen, dass man diesen Truck nicht mehr selber ausgraben kann. Die Neigung ist beunruhigend, auch wenn Godfree uns versichert, dass der Schwerpunkt so tief liegt, dass Lennon nicht kippen wird. Nichtsdestotrotz, er wiegt 4 Tonnen.

Das Glück ist uns jedoch auch hier wieder hold. Weiter vorne auf unserer Strecke stecken schon mehrere andere Fahrzeuge fest, und die Raupe, die für die Straßenbauarbeiten im Einsatz ist, war ohnehin schon unterwegs dorthin. Sie kommt genau im richtigen Moment angeblubbert, und dann nimmt sie Lennon an die Kette und zieht ihn einfach so raus. Schwupp. Mit einem friedlichen Gefühl im Bauch fahren wir hinter ihr her in dem sicheren Wissen, dass sie jetzt ja da ist, wenn wir noch mal abrutschen.
An einem kleinen Dorf halten wir wieder an, um zu warten, bis die Raupe die Straße freigeräumt hat. Unglaublich, wenn man sieht, wie sich auch die Raupe schliddernd abquält, um die kleinen Laster wieder rauszuziehen. Wir schauen uns in der Zwischenzeit die Schule an. Vier Plumpsklos, 503 Schüler und eine fein säuberliche Auflistung aller Waisen, die die Schule besuchen. Aids ist überall.
Endlich ist die Straße frei. Nach vielen Stunden auf der Huckelpiste sind wir erlöst und wieder auf festem Boden. Es ist schwierig, einen Supermarkt zu finden, weil Sonntag ist. Ach stimmt ja, Wochentage. Wir essen am Straßenrand vor den Augen hungriger Kinder zu mittag und fühlen uns fürchterlich. Später finden wir einen Spar, in dem Godfree einkauft.
Godfree erzählt nach und nach immer mehr über seine Einkaufsstrategien und Nomads Philosophie. Er erzählt, dass Nomad in jeder Stadt versucht, eine andere Supermarktkette zu beehren, damit nicht nur ein Konzern profitiert. Er erzählt, dass die Nomad-Trucks soweit wie möglich auf Elektronik verzichten, damit die Fahrer sie selber reparieren können, und dass der Gründer und Geschäftsführer immer dann, wenn ein Truck nach Tourende wieder in Kapstadt ankommt, zuallererst fragt, ob der Truck okay ist, weil die Trucks so wertvoll sind für Nomad. Dass sie auch bei der Auswahl des Anbieters in der Serengeti darauf achten, ob die ihre Jeeps regelmäßig warten. Von anderen Tour-Anbietern wie Nomad berichtet er, dass dort Geld zusammengelegt wird für gemeinsame Alkoholreserven, denn wenn Kunden betrunken/verkatert sind, sind sie nicht so anspruchsvoll - und in Ostafrika ist es nun mal nicht so einfach, Aktivitäten zu organisieren. Bei uns kauft jeder für sich, nach Bedarf. Ich frage ihn nach der Kohle und dem Gemüse, das er heute am Straßenrand gekauft hat. Er berichtet, dass der Koch, der die Gäste der teureren Kategorien in unserem Camp bekocht, mit einigen Leuten aus dem Dorf einen Gemüsegarten betreibt, den er sonst auch mal mit den Tourteilnehmern besichtigt, wenn Zeit ist. Die Frau (eine von bestimmt 20 am Straßenrand), bei der er unser Gemüse gekauft hat, ist eine der Frauen aus dem Projekt, und in diesem Garten wird das Gemüse nicht gespritzt. Da sieht man mal, wie viel Planung und Überlegung dahintersteckt, wenn wir abends unser Essen vorgesetzt bekommen.
An der Grenze gibt es Ärger mit einem Visum. Carla lässt man nur unter dem Vorbehalt ins Land, dass sie morgen das Amt in Lilongwe aufsucht und sich dort ein Visum ausstellen lässt. Gegen eine Bearbeitungsgebühr lässt man sie einreisen. Wir alle warten angespannt vor dem Grenzhäuschen, bis Carla halbwegs beruhigt wieder auftaucht. Nach noch mehr Kilometern kommen wir schließlich in der Barefoot Lodge in Lilongwe an. Um des trockenen Schlafs und der Gesellschaft willen teile ich mir wieder das Zelt mit Job. Morgen gehen wir wilde Tiere anschauen.